Dossier
Projekttransfer – ein Paradigmenwechsel in der Stiftungswelt?
Hans Fleisch(Foto: Bundesverband
Deutscher Stiftungen e.V.)
Ein Interview mit Dr. Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverband Deutscher Stiftungen e.V.
Dr. Hans Fleisch, Sie sind Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen e. V. und plädieren für das systematische ‚Nachmachen’: Wenn es eine gute Idee gibt, sollten andere darauf aufbauen und weder Zeit noch Geld verschwenden, indem sie wieder bei Null anfangen. Ist das ein Paradigmenwechsel in der Stiftungswelt?
Es ist eine erweiterte Perspektive. Stiftungen sahen ihre Funktion bislang vor allem in der Ergänzung anderer – z.B. Förderung von Nischenfächern in der Wissenschaft – und als Impulsgeber. Bei der Impulsgeberfunktion liegt der Fokus auf dem Bemühen, mit eigenen innovativen Ansätzen neue, alternative Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen, also letztlich anderen Menschen und Institutionen neue Wege aufzuzeigen, die diese dann gehen sollten. In letzter Zeit wird von immer mehr Stiftungen anerkannt, dass der Engpass weniger die innovative Lösung ist, sondern vielmehr die Frage, wie man innovative Lösungen in die Fläche bringen kann. Der Fokus geht damit, um es in Begriffen der Wirtschaft zu sagen, weg von der Produktinnovation hin zur Frage des Vertriebs.
Auf Erfolge aufbauen heißt Ihre These, Herr Dr. Fleisch. Warum halten Sie »Anstiften!« für ein erfolgreiches Projekt auf das man aufbauen sollte?
»Anstiften!« hat eine enorme Hebelwirkung. Und um Hebelwirkung geht es doch letztlich, wenn man begrenzte Ressourcen mit größtmöglichem Effekt einsetzen möchte. Der Hebelmechanismus des Projekts »Anstiften!« hat in Hamburg phantastisch funktioniert. Damit stellt sich die Frage, wie man mit ähnlicher Mechanik diesen Effekt auch in anderen Städten erreichen kann; ich halte das für sehr gut möglich, auch wenn sich nicht alles identisch übertragen lässt.
Wann sind Stiftungsprojekte übertragbar?
Wenn der Erfolg eines Projekts nicht primär auf lokalen oder personalen Besonderheiten beruht, ist es übertragbar. Generell gilt: je weniger komplex ein Projekt ist, umso leichter lassen sich die erfolgsentscheidenden Elemente anderswo replizieren.
Warum braucht das Stiftungswesen Projekttransfer?
Das Stiftungswesen »braucht« Projekttransfers nicht, aber sie bieten dem Stiftungswesen eine Chance, die eigene Relevanz weiter zu erhöhen. Die Gesellschaft ist es, die Projekttransfer braucht, weil die gesellschaftlichen Herausforderungen nicht gering sind und eher wachsen, während Ressourcen zur Bewältigung immer knapp sind. Die Knappheit von Ressourcen macht die Optimierung des Mitteleinesatzes erforderlich. Projekttransfer ist eine zusätzliche Option für Stiftungen, ihre Mittel optimal im Sinne vom größtmöglichen Effekt einzusetzen.
Welche Vision haben Sie für »Anstiften!«?
Ich halte es für erreichbar und attraktiv, dass das Projekt »Anstiften!« regelmäßig – z.B. alle zwei Jahre – in allen großen Städten durchgeführt wird, übrigens nicht nur in Deutschland. Dazu gehört, dass eine zentrale Stelle die Ausbreitung des Projektes unterstützt so wie es erfolgreich mit der Initiative Bürgerstiftungen bei dem Modell Bürgerstiftungen herausragend funktioniert. Mit Investitionen in die Unterstützung der Ausbreitung des Hebelwirkungsprojekts »Anstiften!« kann man sozusagen doppelte Hebelwirkung erreichen. Das ist eine phantastische Chance, und meine Vision ist, dass die von Stiftungsentscheidern gesehen und genutzt wird.
Welche Grundregeln sollten Nachahmer beachten?
Um diese Frage zu beantworten, bedarf es einer umfassenden Analyse und Dokumentation der grundlegenden Erfolgsfaktoren. Es gibt ja verschiedene Normen von Nachahmung, und die Grundregeln sind jeweils unterschiedlich. Wir bemühen uns beim Bundesverband Deutscher Stiftungen, generelle Hinweise für das Replizieren von Projekten zu erarbeiten; darum bereiten wir entsprechendes Material aus Wissenschaft und Praxis auf, darum haben wir die Chancen von Social Franchising popularisiert, darum haben wir kürzlich das erste »Forum Projekttransfer« durchgeführt, darum veröffentlichen wir Kurzbroschüren mit Ratgebung zu dieser Thematik.
Auf jeden Fall ist wichtig, dass Nachahmer nicht in die Falle tappen, beim Nachahmen dann doch das Rad weitgehend neu erfinden zu wollen, sowie die Notwendigkeit von Investition (Zeit, Geld, Personal) in Nachahmungsmechanismen anzuerkennen, ohne die die Nachahmung zum Misserfolg verdammt ist.

SAM ELECTRONICS GMBH und WHY NOT? – DAS INTERNATIONALE DIAKONIECAFÉ sind Partner für das Projekt »MULTI – Betreuung und Förderung minderjähriger unbegleiteter Flüchtlinge«